Ausstellungskritik “MARC CAMILLE CHAIMOWICZ”

Gebrochene Kanten und leichtes Schneegestöber.

zur Ausstellung von MARC CAMILLE CHAIMOWICZ in der  SECESSION  vom 20. 11. 2009 – 24. 1. 2010

Foto: Secession 2009

Ich stehe im stillen, fast leeren Hauptraum der Wiener Secession. Gedämpftes Licht umgibt mich, denn draußen schneit es leicht.
Pastellene Töne soweit das Auge reicht. Tapeten, Vorhänge, Teppiche, Stuhl-Liegen, Frisiertische und Bücher, in Farbtönen und Formen bedruckt, bemalt und gewebt, die irgendwo im Dazwischen von Schärfe und Relativität verloren gegangen sind….
Alles ist wie in Watte gebettet. Irgendwie unwirklich, fühle ich mich hier fast wie Zuhause und fremd zugleich. Es scheint, als dürften die Ausstellungsstücke genutzt werden und doch sind sie keine Gebrauchsgegenstände. Im Spiel zwischen Kunst und Design sind sie Möbelstück und Skulptur. Ein Verweis auf die Wiener Werkstätten?
An getufteten Teppichen vorbei, die sich mir asymmetrisch auf schiefen Podesten entgegen neigen, wate ich weiter durch ein Meer von Farben – das Scharfe, Stechende, Bohrende suchend.
Ein erster Hinweis – die gebrochenen Kanten der Teppichpodeste. In den abgerundeten Kanten der Holzplatten mit edlem Mahagonifurnier schreit mir billiges Pressspan entgegen. Dieser Bruch in der heilen Watte-Welt hat mich gepackt, hat mich fragend gemacht, kollidierte mit den pastellenen Farben und geschwungenen Formen.
Aber ich werde enttäuscht: Die Podeste sind aus dem Rest-Holz einer Installation von Tilo Schulz gefertigt, da es zu aufwendig gewesen wäre, sie detailgetreu aus neuem Material in Auftrag zu geben. Die Kanten wurden abgeschrägt. Produktionsbedingt oder eine Laune des eiligen Handwerkers? – Die Institution lässt grüßen!
Ich suche weiter und verharre bei einigen Büchern. Es ist wie in einem großen, surrealen Wohnzimmer, das in der nächsten Sekunde in einer Wolke aus Schall und Rauch zu zerplatzen droht. Durch die Bücher, unter anderem über Franz West, die Geschichte der Secession und von Karl Kraus, entsteht ein Bezug zur Stadt und dem Ausstellungsort. Sie holen mich kurz in die Realität zurück, ganz nett und scheinbar aufschlussreich. Doch nach weiterem Forschen erscheint mir dies als zu wenig, denn Chaimowicz´s Ideen der bedruckten Tapeten, Teppiche und Wendemöbel sind alt. Das elfteilige Triptychon „Vienna Tryptich“ von 1982 ist noch betagter und der Mies van der Rohe gewidmete „Curtain (For MvdR)“ war schon auf der letzten Berlin Biennale 2008 zu sehen. Dadurch wirkt das ganze Arrangement wie eine erweiterte Variante seiner Einzelausstellung im Kunstverein Düsseldorf 2005. Irgendwie ernüchternd – und nur partiell erfrischend neu.
Aber als das Schneegestöber stärker wird, bekommen die Farben durch das veränderte Tageslicht plötzlich einen diffusen Glanz, leuchten in ihrem Gebrochen-Sein und versetzen der Szenerie ein Zeitlupentempo.
Und doch verschafft mir die Ausstellung keine Eindeutigkeit, keine gemäßigte Zufriedenheit, keine Ruhe. Dies kann eindeutig eine Qualität beinhalten, den Moment der Ambiguität – der Mehrdeutigkeit. Diese Mehrdeutigkeit wird für mich allerdings erst dann interessant, wenn das Werk in seinem Potential darin kreischend konsequent wird und weit über das Ungewisse hinausgeht, um so im Mehrdeutig-Sein eine Gestalt anzunehmen und darin eine Eigenständigkeit, eine momentane Autonomie zu erreichen.
Aber eine solche Konsequenz ist Marc-Camille Chaimowicz in dieser Ausstellung – meiner Meinung nach – leider nicht gelungen, auch wenn das Potential dafür ausreichend vorhanden ist.

19 Comments to “Ausstellungskritik “MARC CAMILLE CHAIMOWICZ””

  1. Lila Laura sagt:

    Lieber Iver, vielen Dank für diese bildhafte Beschreibung deiner Eindrücke von dieser Ausstellung. Ich hab habe sie nicht besucht und frage mich die ganz Zeit, welche Bilder in meinem Kopf durch deine Worte entstanden wären, stünde da nicht dieses Foto gleich zu Beginn deiner Beitrags….
    Weshalb ich hier aber wirklich einen Kommentar hinschreibe ist, weil ich nicht ganz verstehe, was du genau bedauerst.
    Enttäuscht es dich erkannt zu haben, dass die Ausstellung in der Secession lediglich ein Neuarrangement dir bereits fragmentarisch bekannter Werke ist? Vermisst du dabei die Ausschöpfung des Potentials, welches in der Neuinszenierung in einem veränderten Kontext und einem anderen Raum stecken könnte?
    Oder was meinst du mit dem “ausreichend vorhandenen Potential”?
    Beim Nachdenken über deinen Text haben die Birnen in meinem Kopf plötzlich zu leuchten begonnen und Zahnräder setzten sich in Bewegung.
    Bietet sich die Vermutung eines in einer Ausstellung vorhandenen, aber nicht ausgeschöpften Potentials nicht bestens dazu an, Ausgangspunkt für ein kreatives Vermittlungsprojekt zu sein? Welche Existenz- oder Erscheinungsform könnte dieses künstlerische Arrangement denn noch annehmen? Was würde dabei mit der Ausstellung passieren? Was mit den Rezipient_innen? Gerade die Entdeckung der wiederverwerteten Elemente einer vorangegangen Ausstellung tragen bereits Anstoß zur Mitgestaltung in sich….

  2. Myda sagt:

    Ich habe die Ausstellung in der Unibibliothek von Osnabrfcck gesehen und war wrkilich sehr beeindruckt.Nicht nur, weil das Thema Sterben und Tod , das normalerweise so sehr an den Rand des gesellschaftlichen Bewusstseins gedre4ngt wird,hier f6ffentlich, mitten in der Bibliothek,ausgestellt wurde, sondern auch durch die zutiefst menschliche Art des Umgangs mit den Sterbenden.Selten haben mich Photos und Texte einer Ausstellung mehr berfchrt.Ich wfcnsche Ihnen weiterhin viel Erfolg und hoffe, dass die Ausstellung noch in vielen Ste4dten gesehen werden kann.

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