Depart: “Altar Ego” – eine Kritik

Altar Ego

Die derzeitige Installation des Duos Depart in der Passage des Museumsquartiers ist ein bedeutendes, also altmodisches Kunstwerk: hier wird noch Bedeutung produziert und Deutung abverlangt.

Schon der Titel „Altar Ego“ signalisiert diesen Anspruch: Die Differenz liegt hier – womöglich auf Derridas Neologismus „diffarance“ verweisend -  im „a“: nicht „Alter“ sondern „Altar“ also: und zwar als Tryptichon angelegt und somit nicht nur vom Titel her aufs Sakrale verweisend. Hier kniet und betet man etwas an: das EGO, die vergötterte Individualität der Neuzeit, das Goldene Kalb der Einzigartigkeit. Das ICH erscheint hier als Schnittmenge zweier nichtindividueller Wesenheiten, nämlich dem des Freudschen ES und ÜBER-ICHs.

Diese kollektiven Kräfte des Urtriebs und der sozialen Normen verschmelzen in einer Art energiefreisetzender Kernschmelze, die etwas ANDERES, etwas Drittes hervorbringt: das EGO als energetische Schnittmenge, die aus zwei flachen Dimensionen eine Dritte generiert.

Das EGO ist also nicht ein drittes Element, sondern – selbst weder ES- und nicht ÜBER-ICH-seiend – das aus den beiden Elementen Hervorgehende ANDERE , das vom Titel gemeinte ALTER EGO.

Auf diesen psychoanalytischen, theoretischen Sachverhalt verweist neben Titel und dreigliedriger Komposition auch die Verwendung der schwarzen Pappnasen-Marker, die das ES beziehungsweise das ÜBER-ICH näher definieren: das Triebhaft-Sinnliche auf der einen Seite, das normativ Moralische und die Lebensäußerungen Unterdrückende auf der anderen. Was aber bedeutet das Herzstück der Installation, die vom Epizentrum der Kollision der Sphären ES und ÜBER-ICH mittels eines Projektionsokulars ausgestrahlte und gegen die Scheibe des Schaufensters ausgestrahlte Schnittmenge des ICHS? Was bedeutet diese Verschmelzung und Synchronisation der nunmehr bewegten und somit die Zeitlichkeit miteinbeziehenden Bildlichkeit mit auditivem Elektrosound, erhörbar mittels eines anhängigen Kopfhörers?

Was bedeutet es, dass nun also im Zentrum des Altars der Ich-Anbetung das Auditive und das Visuelle in Raum und Zeit greifen und sich auf einer anderen Ebene – der Oberfläche des Schaufensters – zu einem multisensuellem Video-Clip beleben?

Es bedeutet nicht mehr als das bereits Gesagte. Es verschafft dem bereits Gesagten lediglich mehr sinnliche Erfahrbarkeit. Insofern handelst es sich bei diesem bedeutenden – und keineswegs offenen – Kunstwerk in erster Linie um eine Illustration eines zu veranschaulichenden Lehrstoffes, um ein didaktisches Lehrstück, das sich vorzüglich zur Belehrung des Rezipienten eignet.

Der Lerngegenstand des Freudschen Ich-Konzepts ist nun aber seit gut 100 Jahren ein hinlänglich bekannter. Die Nachricht vom ICH und seiner Bedrängtheit vom ES und ÜBER-ICH ist längst angekommen oder verweigert worden.

Auch kommt die Installation so recht nicht übers Illustrative hinaus: Sie bedeutet mir nichts, was mir nicht ebenso gut gesagt werden könnte, sie bleibt daher für meinen Geschmack allzu lau im Bereich des allzu leicht Dahin-Sagbaren.

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