Kunstdialoge oder Kunstvermittlung?

Warum nennen wir unsere Arbeit und diese Internetseite „Kunstdialoge“ und nicht „Kunstvermittlung“

Die Gründe hierfür sind recht zahlreich. Auch wenn es einige interessante Argumente gegen die Abkehr von dem Begriff Vermittlung gibt und der Dialog von manchen als zu wenig scharf oder als “schwammig” bezeichnet wird, haben wir uns meiner Meinung nach mit aus den folgenden Gründen für den Begriff „Kunstdialoge“ entschieden:

Auch wenn dieser Text viele Themenpunkte enthält die wir in unserer gemeinsamen Praxis diskutiert haben, gibt er nur meine Wortwahl wieder und muß nicht zur Gänze der Meinung aller aus dem Team der Kunstdialoge entsprechen.

1.

Ich möchte eine Kunstvermittlung machen, die nicht nur in den gewohnten und gesellschaftlich anerkannten und üblichen Formen und Verhältnissen stattfindet, sondern diese oft kapitalistisch geprägten Dienstleistungsformate kritisiert und zeitgleich alternative Utopien und Praxen entwickelt.

2.

Institutionskritik ist mir hierbei sehr wichtig, einerseits aus den oben genannten Gründen und andererseits weil ich beobachtet habe, dass der Begriff Kunstvermittlung mittlerweile oft auch als eine „modernere“ Bezeichnung für Museumspädagogik verwendet wird.

Dies geschieht meistens allerdings ohne, dass dabei die Arbeitsweisen großartig verändert, sondern eher die üblichen „Wissenstransfermethoden“ aus der Museumspädagogik beibehalten werden. Hierbei kann eine gewisse Verschleierung stattfinden: Diese beinhaltet die Vereinnahmung eines politisch-kritisch-partizipativen Ansatzes der Kunstvermittlung, eventuell gepfeffert mit einer sympathischen Prise Institutionskritik, durch die institutionellen Strukturen der mehr und mehr von kapitalistischen Verwertungsmethoden geprägten Kunst- und Kulturinstitutionen.

Diese Verschleierung will ich nicht unterstützen. Nicht weil ich glaube, dass nur eine antiinstitutionelle Kunstvermittlung Sinn macht, sondern weil die Verschleierung letzten Endes auch auf Kosten der Besucher_innen geht. Denn diese glauben, dass Sie an einem interessanten, neuen und anspruchsvollen Format teilnehmen und bekommen letzten Endes oft die gleiche Frontal-Expert_innen-Situation aufgedrängt wie in der Schule und bei Fremdenführungen auch.

An diesem Punkt kann entgegnet werden, dass es dann doch wichtig wäre, gegen diese Verschleierung der Vereinnahmung von eigentlich kritischen Ansätzen anzugehen und die bestehenden Verhältnisse zu verändern anstatt einfach die Bezeichnung zu erneuern. Dieses Argument ist für mich nach wie vor recht stichhaltig, wird aber teilweise dadurch entkräftet, das es für eine „Neudefinition“ noch andere Gründe gibt, die dafür sprechen.

3.

Vermittlung und Übermittlung. Begriffe, deren Bedeutung im deutschen Sprachgebrauch meiner Meinung nach immer noch sehr stark von dem längst überholten Sender-Empfänger-Kommunikationsmodell nach Shannon und Weaver von 1948 geprägt sind. Diese haben im Zuge ihrer Arbeit „A Mathematical Theory of Communication“ das Modell eigentlich als eine mathematisches bzw. technisches Modell zur Verdeutlichung von telekommunikativen Prozessen und deren technischen Problemen entwickelt. Durch die Fokussierung auf technisch-kommunikative Prozesse ist in diesem Modell Kommunikation als ein rein linearer Prozess dargestellt. Allerdings ist es im Folgenden zu einem Standardmodell menschlicher Kommunikation avanciert. Das heißt, das somit auch die menschliche Kommunikation als linearer Prozess interpretiert wurde.

Bis heute hat sich daran nur wenig geändert. Nicht, das nicht Paul Watzlawick et al. , Schulz von Thun und Andere in den folgenden Jahrzehnten viele weitere Ebenen und wichtige Aspekte der menschlichen Kommunikation aufgezeigt hätten, so scheint dennoch die gängige Idee von Kommunikation und damit auch die (Kunst-)Vermittlung weiterhin stark durch dieses lineare Grundbild geprägt zu sein.

Ver-mittlung ist dazu noch ein Word, das auch recht stark durch die Bedeutung des Präfix „ver-“ als „etwaß machen“ bzw. jemandem etwas zu VER-mitteln konnotiert ist.  In diesem Sinne ist das VER-mitteln ein Akt, der von einer bestimmten Person ausgetragen wird und ein Gegenüber als Empfänger_in der „Message“ (des Inhalts) impliziert. Dieses Über-mitteln von bestimmtem Wissen kann damit etwas erhöhendes für den/die Vermittler_in und bedrängendes oder sogar unterdrückendes für die Vermittelten bekommen (Im Sinne eines linearen Übermittlungs-Gefälles). Ein (Museums-) Besucher/eine (Museums-) Besucherin bekommt eine bestimmte Weltsicht und ein (autorisiertes) „Wissen“ ver-mittelt, da beide im schlimmsten Falle davon ausgehen, dass die Vermittelten ohne den/die Vermittlerin nicht den Inhalt oder die Bedeutung des (Kunst-)Werkes „zur Gänze“ erfasst haben könnten.

Die lineare Struktur der Vermittlung hat daher nur eine Richtung,-  eine/einen Sender_in und eine/ein Empfänger_in. Dieses Verhältnis führt somit schon allein auf Grund seiner Bedeutungskonstruktion in eine Sackgasse.

Wollen wir das? Wollen wir Sündenböcke für die Instrumentalisierung der „Kunst“ und Kommerzialisierung der Kunstinstitutionen sein? Wollen wir das ewige Spiel mit den autorisierten „Wahrheiten“ und „Definitionen“ der „Kunst“ noch weiter mitspielen, nur um uns als die Erklärenden und Wissenden aufführen zu können? Wäre es nicht viel angenehmer und transparenter für alle, wenn wir endlich die Vermessenheit aufgeben, zu meinen anderen beizubringen zu können was Kunst ist?

Wenn ja,- könnte es dann nicht auch hilfreich sein, ein neues Selbstverständnis von Kunstdialogen zu entwickeln, das sich ganz eindeutig von einer Kunstvermittlung als Dienstleistungsangebot distanziert und eine selbständige (vielleicht auch künstlerische) Praxis initiiert? Wenn es möglich und sinnvoll sein sollte, ein solches emanzipiertes Selbstverständnis neu zu denken und nicht auf den alten Verhältnissen aufzubauen, dann wäre mir dabei vor allem eines wichtig: Transparenz und Dialoge. Dialoge zwischen allen Beteiligten: Institutionen, Besucher_innen, Künstler_innen, “Vermittler_innen” und allen nicht genannten aber Interessierten auch. Ein Dialog, in dem es um die ständige, fortwährende und prozessuale Verhandlung geht und nicht um eine lineare und ausschließende, hierarchiesierende Wissensvermittlung.

4.

Kunstdialoge können mehr als nur Formate sein. Diese Website zum Beispiel ist für uns ein Versuch Dialoge über Kunst, deren (institutionelle) Präsentation, Reflexionen und Theoriebildungen zu initiieren.

Hierbei wollen wir nicht nur zu Gesprächen und Diskussionen über Kunstwerke, Kunstausstellungen und Kunstvermittlung anregen, sondern auch über deren stattfindende, oder auch nicht-stattfindende Reflexion diskutieren. In diesem Sinne sind für mich nicht nur das Sprechen über Kunst, sondern auch das transparente Reflektieren über dieses Sprechen ein Kunst-Dialog.

Des weiteren versuchen wir diesen Dialog – zumindest in Ansätzen – auch in den annonymen Stadtraum zu tragen, unsere ersten Aktionen dazu könnt ihr unter dem Tag „QR-Codes“ nachlesen. Die QR-Codes können von allen, die ein Handy mit Kamera zur Hand haben entschlüsselt werden und so den spontanen Zugang zu unserer Reflexionspraxis über unsere Arbeit bekommen. Damit wollen wir die Transparenz unserer (nicht-)institutionellen Praxis erhöhen und gleichzeitig die mögliche Beteiligung einer kritischen Öffentlichkeit erleichtern.

Last not but least gehört auch das von uns veranstaltete Mini-Symposium: „Zeitgenössische Kunstvermittlung?“ für uns zu unserer Kunstdialogpraxis. Auch wenn schon andere Kolleg_innen (s. z.B. Fridicianum Kassel in Kooperation mit dem IAE Zürich / 2009) die Form eines Symposiums gewählt haben, um eine (kritische) Öffentlichkeit zu zulassen, sehen wir diese als unseren, unbedingt notwendigen Bestandteil einer transparenten Dialog-Praxis.

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