Der umgekehrte Schuh. Oder: Die Fragwürdigkeiten des Raumes

In Zeiten der globalen Verbreitung von Internet, Fernsehen und Mobiltelefon wird in der Kommunikation mit Anderen eine Frage immer drängender:
Wo bin ich?
Räume, Räumlichkeit und Raumrezeption, Raumüberlagerungen, Raumerweiterungen und Raummöglichkeiten.

Hypertext, digital und dreidimensional, virtuell, sozial und radikal.

Wo ist der alte und ehrwürdige “Raum” geblieben?
Was ist mit den heiligen Hallen der Realität passiert?
Wo ist vorne und wo ein zurück?
Sind wir noch rein real vorhanden oder schon eine Mischung aus physischem und virtuellen Körpern geworden?

In Zeiten der globalen Verbreitung von Internet, Fernsehen und Mobiltelefon wird in der Kommunikation mit Anderen eine Frage immer drängender:
Wo bin ich?

Unsere Welt ist durch diese technischen Mittel scheinbar immer kleiner geworden, da im virtuellen Raum topografische Grenzen und Entfernungen kaum noch eine Rolle spielen. Gleichzeitig steigen die Möglichkeiten der Kommunikation und Interaktion mit der ganzen Welt in Echtzeit ins Unermessliche. Es tut sich eine Welt auf, die scheinbar grenzenlos ist und noch vor kurzem als utopisch gegolten hätte. Somit ist die Verortung des eigenen Selbst fast immer und an vielen Orten gleichzeitig möglich.
Sind wir dadurch “virtuelle Bewohner einer virtuellen Raumzeit geworden”[1]?

Eines scheint sich nach ein paar Nachforschungen aufzudrängen: Der Begriff „Raum“ ist durch die technischen und sozialen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte fundamental in Frage gestellt worden. Die neuen Medien eröffnen uns neue Zugänge und Visualisierungen von Räumen, die wir vorher nur imaginieren oder phantasieren konnten. In der neuen Virtualität scheint fast alles möglich: Durch die “Second Life Communities” im Internet sogar ein zweites, virtuelles Leben. So entstehen virtuelle Räume, die nicht mehr nur durch ihre äußeren Grenzen, sondern auch durch ihre inneren Zusammenhänge definiert und erfahrbar werden.

In den Diskursen der Sozial-, Kunst- und Medienwissenschaften wird seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts ein Paradigmenwechel in Raumdefinitionen und Raumrezeptionen festgestellt. Dieser als “spatial turn”[2] oder “topografical turn” bezeichnete Umschwung basiert auf der Loslösung des Raumbegriffs von einer fast ausschließlich geographischen Zuordnung, hin zum Verständnis des Raumes als kulturell konstituierte und historisch wandelbare Kategorie. Dadurch werden soziale, politische, ästhetische, mediale, virtuelle, mathematische und physische Räume definiert und brechen das alte Bild des Raumes als einen rein physischen Raum weitgehend auf. Allerdings könnte das Virtuelle dem Raum als Eigenschaft oder Potenzial von vornherein immanent sein. In diesem Sinne wäre die Virtualität des Raumes nur eine von vielen möglichen Eigenschaften oder Potentialen des Raums.
Unterscheiden sich der wissenschaftliche Diskurs, die individuelle Anwendung und die gesellschaftliche Definition von Räumen, und dadurch auch ihre Rezeption?


[1] Flusser, Vilem: Räume. In: Raumtheorie, Jörg Dünne und Stephan Günzel (Hg.). Frankfurt am Main 2006, S.281

[2] Schlögel, Karl: Im Raume lesen wir die Zeit. Über Zivilisationsgeschichte und Geopolitik. München, Wien 2003

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